Ethik in der dokumentarischen Familienfotografie

Ein Gastartikel der Fotografin Sonja Stich 

Sonja Stich, dokumentarische Familienfotografin, ©Sue Wetjen

„Die Lage wird dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache ‘Wiedergabe der Realität’ etwas über die Realität aussagt“ so zitiert Walter Benjamin 1931 Bertold Brecht.
Er kritisierte damit die Fotografen der Neuen Sachlichkeit, die vermeintlich objektive Bilder von Industriedenkmälern und anderen Dingen machten.
Die Lage ist seitdem nicht einfacher geworden.
Dorothea Lange, die 1936 das berühmte Foto „Migrant Mother“ machte, das zu einem Sinnbild der amerikanischen Depression und gleichzeitig zu einer Ikone der dokumentarischen Fotografie wurde, sagte:
„a documentary photograph is not a factual photograph per se.“

Das Bild „Migrant Mother“ von Dorothea Lange wird auch in einem anderen Zusammenhang zitiert seit bekannt wurde, dass die Tochter der abgebildeten Florence Thompson mit der Veröffentlichung des Fotos nicht glücklich war. Sie hat sich ihr Leben lang dafür geschämt, die Armut ihrer Familie so ausgestellt zu sehen.

Seit der Einführung des Begriffs „Dokumentarfotografie“ in den 30er Jahren setzen sich Fotografinnen(*) und Öffentlichkeit also mit der Definition und gesellschaftlich-ethischen Verantwortung des Genres auseinander.

Dokumentarische Familienfotografie im professionellen Bereich

Der dokumentarische Ansatz ist nun auch in der professionellen Familienfotografie angekommen. Während Eltern schon lange ihr Familienleben fotografisch festhalten, existiert der Begriff „dokumentarische Familienfotografie“ erst seit ein paar Jahren im professionellen Bereich und sorgt dort für Diskussionsstoff. Denn die beiden zentralen Fragen sind heute noch die gleichen wie vor hundert Jahren: erstens, ob die dokumentarische Familienfotografie überhaupt in der Lage ist, die Realität abzubilden, und zweitens, welche Fotos man öffentlich zeigen kann, ohne die Würde der abgebildeten Menschen zu verletzen.

 

© Sonja Stich

Was ist dokumentarische Familienfotografie? 

Auch bei bei den Familien, den Kunden also, herrscht noch viel Unsicherheit darüber, um was es sich bei der dokumentarischen Familienfotografie eigentlich handelt. Familien, die auf der Suche nach einer professionellen Fotografin sind, werden bei ihrer Recherche vor allem sogenannte Lifestyle-Fotos sehen. Das sind die Bilder, die wir im Kopf haben, wenn wir an Profi-Familienfotos denken: gut aussehende Familien in schöner Umgebung, mal mehr, mal weniger inszeniert. Das wirkliche Leben der Familien zeigen diese Fotos eindeutig nicht. 

© Sonja Stich

Genau dieses wollen dokumentarische Familienfotografinnen zeigen. Ihre Arbeit unterscheidet sich von der bekannteren Lifestyle-Fotografie dadurch, dass sie bestrebt sind, den Charakter und den Alltag der abgebildeten Menschen möglichst wirklichkeitsgetreu abzubilden. Sie besuchen ihre Kunden zuhause oder begleiten sie an einen anderen Ort, der zu deren Alltag gehört. Dort dokumentieren sie das Zusammenleben der Familie, oft mehrere Stunden lang, ohne einzugreifen.

Fotos, die die Beziehung zu meinen Kindern nicht stören

Ich selbst fotografiere gelegentlich andere Familien, und meine eigene Familie seit zwölf Jahren fast täglich. Abgesehen von einer kurzen Phase, in der ich erfolglos versucht habe, mit Hilfe von viel gutem Zureden und Photoshop Fineart-Portraits unserer Kinder zu machen, habe ich sie weitgehend so fotografiert, wie sie sind, ungestellt und ungeschönt.

Die Fineart-Phase von der Dauer eines Workshops war aber sehr wichtig, denn sie hat mir geholfen, zu verstehen, warum ich solche Fotos gerade nicht machen möchte: weil diese Art des Fotografierens der Beziehung zu meinen Kindern schadet. Sie verstanden nicht, warum ich ständig ihr Spiel unterbrochen habe, um sie in besseres Licht zu schieben oder einen unordentlichen Hintergrund zu vermeiden. Aus heutiger Sicht erkenne ich auf den Bildern unser eigenes Leben tatsächlich nicht wieder. Sie sind zu inszeniert und aus dem Zusammenhang gerissen. Ich erinnere mich nur daran, wie sie entstanden sind und nicht an ein gemeinsames Erlebnis mit meiner Familie. 

© Sonja Stich

Mit dieser Erkenntnis hatte ich plötzlich einen Indikator für die Art Familienfotos, die ich machen will: dokumentierende Bilder, die sowohl während der Entstehung als auch im Nachhinein zu uns passen. Wenn ich so fotografiere, wie ich im Alltag mit meiner Familie und andern Menschen umgehe, mache ich Fotos, die nicht nur Erinnerungen für die Zukunft sind, sondern auch die Beziehung zu meinen Kindern nicht stören.

Unsere Fotos schreiben Familien-Geschichte 

Als dokumentarisch fotografierende Eltern, und umso mehr, wenn wir uns als dokumentarische Familienfotografinnen auf dem Markt präsentieren, tragen wir Verantwortung, denn das Wort „dokumentarisch“ in der Berufsbezeichnung impliziert, dass unsere Fotos die Realität zeigen.

© Sonja Stich

Auch wenn Familienfotos selten Einfluss auf das Weltgeschehen haben, sind die Bilder, die wir von unserer eigenen oder anderen Familien machen, später eine Referenz für die gemeinsam erlebte Zeit. Wir behaupten mit ihnen: So war es. Wir halten Momente, Gesten, Stimmungen und Gefühle fest, die ohne unsere Fotos leicht vergessen oder gar nicht erst wahrgenommen würden. Was haben die Kinder gerne gespielt? Wer hat beim Abendessen neben wem gesessen? Haben wir viel gelacht? Hat Papa auch mal vorgelesen? Hat Mama mich genauso lieb wie meine Schwester? Waren wir als Eltern ein Team? Haben wir uns auch als Paar gesehen oder lag unsere ganze Aufmerksamkeit bei den Kindern? Wie sah die Wohnung aus? 

© Sonja Stich

 

© Sonja Stich

 

© Sonja Stich

 

© Sonja Stich

Die Geborgenheit beim Kuscheln mit den Eltern, die freudige Aufregung beim ersten Mal ohne Stützräder Fahrrad fahren, das blöde Gefühl, zu klein zu sein, um an die leckeren Sachen heran zu reichen – auch Emotionen können wir fotografisch festhalten, so dass die Familienmitglieder sie später, beim Ansehen der Bilder, wieder erleben können. Ich glaube sogar, dass Gerüche, Geräusche und taktische Sensationen mit Hilfe von Fotos erinnert werden können: der Geruch der Küchenschublade, das Kratzen des Teppichs, der ohrenbetäubende Lärm der Espresso-Maschine. Das ist das wundervolle Geschenk dokumentarischer Fotos, und gleichzeitig eine große Verantwortung für uns Fotografinnen.

Der subjektive Blick

Wir wollen die Wirklichkeit abbilden, aber ist das überhaupt möglich? Wie finden wir die Balance zwischen Realität und Interpretation? Verhindert die kreative Auswahl visueller Mittel die Wahrheitsfindung oder nützt sie ihr? Diesen Fragen stellen wir uns jedes Mal, wenn wir eine Kamera in die Hand nehmen, sei es, um unsere eigene Familie zu fotografieren oder eine fremde. 

Denn natürlich bemühen auch wir uns, schöne Fotos zu machen, sei es für unsere eigene Familie oder Andere. Wir nutzen das vorhandene Licht, die Umgebung und die natürliche Gestik und Mimik der Menschen, um Bilder zu kreieren, die sie sich auch in Zukunft immer wieder gerne anschauen. Unser visuell geschulter Blick ist die Basis unserer Profession: das Auge für Details, Komposition und Licht sowie für den entscheidenden Moment, der einen ganzen Tag oder einen Menschen repräsentieren kann. Wir nutzen die gestalterischen Elemente, um das Erlebte zu akzentuieren und um Stimmungen festzuhalten.

Unsere eigene Persönlichkeit, unsere subjektive Wahrnehmung und Interpretation des Geschehens trägt also maßgeblich zum Charakter einer Fotodokumentation bei. Wir wollen die kreativen Möglichkeiten der Technik und unseren individuellen Blick nicht verleugnen, im Gegenteil. Sie sind es, die unsere Fotos ausmachen, sie sind der Grund, warum Familien uns engagieren, um ihre wichtigsten Erlebnisse oder ihren Alltag festzuhalten.

Der journalistische Ethik-Kodex

Wir müssen also eine Balance finden und bei jedem Foto neu entscheiden, ob unser subjektiver Blick die Erfahrung der Abgebildeten akzentuiert oder verfälscht. Nicht nur das. Bei dokumentarischen Fotosessions, anders als bei Lifestyle-Sessions, werden auch sehr private Augenblicke fotografiert. Deshalb sollten wir uns auch dessen bewusst sein, dass die abgebildeten Menschen ein Recht auf Privatheit haben und nicht jedes Foto für eine Veröffentlichung geeignet ist. Für beide Probleme brauchen wir Anhaltspunkte, die uns die herkömmliche Familienfotografie nicht bieten kann. 

Aber Hilfe kommt aus einer vielleicht unerwarteten Richtung, dem Journalismus. Ebenso wie Fotojournalistinnen tragen wir Verantwortung gegenüber den abgebildeten Menschen, der Öffentlichkeit und letztlich der Wahrheit. Glücklicherweise steht auch uns eine Ressource zur Verfügung, die Fotojournalistinnen schon seit Jahrzehnten als Arbeits-Leitfaden dient: der journalistische Ethik-Kodex. Der Pressekodex des deutschen Presserats beginnt mit dem folgenden Satz: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ 

Die Achtung vor der Wahrheit

An diesen Satz sollten wir stets denken, wenn wir uns auf die Suche nach dem schönsten Licht, der interessantesten Perspektive und dem treffendsten Moment begeben. Denn wenn wir nicht aufmerksam und selbstkritisch sind, können wir Geschichte auch umschreiben. Mit einem einzigen Foto kann eine unwichtige Geste erhöht und für die Zukunft zementiert werden. Durch die wiederholte Auswahl bestimmter Szenen zugunsten anderer wird dieser Eindruck noch verstärkt. Hier müssen wir Fotografinnen uns immer wieder fragen, inwiefern unsere eigene Geschichte und Persönlichkeit, auch unbewusst, in eine Reportage mit hineinspielt. Vielleicht sind wir selbst harmoniesüchtig und fotografieren deshalb keinen einzigen Moment der Disharmonie. Vielleicht finden wir auch unser eigenes bürgerliches Leben langweilig und richten die Kamera deshalb bei anderen Familien nur auf die unkonventionellen Szenen. Wir mögen eher melancholisch veranlagt sein und fotografieren deshalb vor allem stille und nachdenkliche Momente. Oder wir fühlen uns zu lustigen und slapstickartigen Ereignissen hingezogen und nehmen die ruhigen gar nicht wahr. 

Deshalb ist es hilfreich, ein wenig zu recherchieren, bevor wir fremde Familien fotografieren, genauso wie Journalistinnen es tun. Indem wir uns mit den Familienmitgliedern unterhalten, sie eine Zeitlang im Alltag begleiten, auch ohne Kamera, lernen wir sie kennen und laufen anschließend weniger Gefahr, unsere Vorurteile als Maßstab zu nehmen und damit die Wirklichkeit der Familie zu verdrehen.

Der Pressekodex

Um also der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, kann es hilfreich sein, sich den Pressekodex genauer anzusehen. Ich fasse im Folgenden ein paar Themen zusammen, die für die Familienfotografie relevant sind und die teils im schon zitierten deutschen Pressekodex stehen, teils im „Code of Ethics“ der amerikanischen National Press Photographers Association, der sich explizit auf Fotojournalismus bezieht.

Der erste Grundsatz ist fast zu selbstverständlich, um ihn überhaupt zu erwähnen:
Wir manipulieren nicht.

Das heißt, wir bitten die Menschen, die wir fotografieren, nicht, etwas zu tun, zu lassen oder zu wiederholen, wir verändern nicht die Umgebung (dazu gehört auch das Licht), kurz, wir greifen nicht in das Geschehen ein. Ebensowenig manipulieren wir die Fotos in der Postproduktion, wobei leichte Anpassungen in Farbe, Kontrast, Helligkeit und Bildausschnitt meiner Meinung nach unproblematisch sind, solange sie dazu dienen, zu akzentuieren und nicht zu verändern. 

Das ausgewogene Bild

Ferner sollten wir uns bemühen, ein ausgewogenes Bild zu zeigen, Menschen, Beziehungen, Erlebnisse so abzubilden, wie wir sie vorfinden, und nicht, wie wir sie gerne hätten. Dies impliziert, dass wir Stereotypisierungen vermeiden, zum Beispiel, wenn es um geschlechtsspezifische Eigenschaften geht. Wir zeigen also Jungen auch ruhig und nachdenklich und Mädchen, wenn sie wild und schmutzig sind, wir fotografieren den Vater, wenn er zärtlich ist und die Mutter nicht vorwiegend in der Küche. Aber genauso wenig, wie wir Klischees bedienen, sollten wir sie entkräften, wenn es nicht der Realität entspricht.
Der Journalist Hanns-Joachim Friedrichs hat es so formuliert:

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“ 

Wahrung der Menschenwürde

Auch die Wahrung der Menschenwürde, die für die Familie der „Migrant Mother“ zu einem Problem wurde, thematisiert der journalistische Ethik-Kodex. Wenn wir Menschen in peinlichen, unvorteilhaften oder sehr intimen Momenten fotografieren, sollten wir überdenken, ob wir diese Bilder der Familie geben oder sie gar öffentlich zeigen, selbst wenn die Familie zugestimmt hat. Genauso wie Journalistinnen müssen wir das Persönlichkeitsrecht der abgebildeten Menschen berücksichtigen, besonders, wenn es sich um Kinder handelt. Da an privat in Auftrag gegebenen Familienreportagen wenig oder gar kein öffentliches Interesse besteht, sollte der Schutz der Persönlichkeit meiner Meinung nach in der Familienfotografie immer Priorität vor der Veröffentlichung haben.  

Veröffentlichung der Fotos

Für mich macht es einen grossen Unterschied, ob die Fotos innerhalb der Familie bleiben, oder öffentlich gezeigt werden. Wenn ich Fotos meiner Kinder in den sozialen Medien, Workshops oder Wettbewerben zeige, frage ich sie vorher, ob sie einverstanden sind. Ich habe ihnen schon vor langer Zeit den Unterschied zwischen dem Publikum und der Reichweite von Facebook und Instagram im Gegensatz zu Workshops und Wettbewerben erklärt. Die meisten Fotos meiner Kinder, und fast alle, die ich von meinem Mann und meiner erweiterten Familie gemacht habe, haben niemals unsere vier Wände verlassen, entweder, weil die Abgebildeten es nicht wollten, oder in den meisten Fällen, weil ich sie vorher schon selbst zensiere. Dazu gehören Fotos von intimen und sehr emotionalen Situationen. Andererseits finde ich es schade, dass Andere diese Bilder nicht zu sehen bekommen, denn sie geben einen tieferen Einblick in das wahre Familienleben als die „glatteren“ Bilder. Aber hier muss jede Familie selbst entscheiden, inwieweit sie bereit ist, sich zu zeigen.

Kommerzielle Zweitverwertung

Ich biete die Fotos, die ich von meinen Kindern mache, niemals Bildagenturen an. Das ist eine persönliche Entscheidung, weil ich nicht möchte, dass meine Kinder jedesmal, wenn ich sie fotografiere, befürchten müssen, auf Plakatwänden oder in Zeitschriftenartikeln zu landen. Außerdem ist mir selbst bei dem Gedanken unwohl, nicht beeinflussen zu können, mit welcher Bedeutung dann die Fotos aufgeladen würden. Ich glaube, dass auch die Dokumentation anderer Familien generell beeinflusst wird, wenn wir im Hinterkopf haben, dass die Fotos später kommerziell zweitverwertet werden könnten. Das kann dazu führen, dass wir uns dann zu klischeehaften „werbigen“ Situationen hingezogen fühlen.

Wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit

Auftraggeber der kommerziellen dokumentarischen Familienfotografie sind nicht die Medien, sondern die Familien selbst. Wenn wir unsere eigene Familie fotografieren, gibt es überhaupt keine Auftraggeber. Diese Fotos werden dann meistens in Fotoalben zusammengestellt oder zuhause aufgehängt. Das bedeutet, abgebildete Menschen und Betrachter sind weitgehend identisch. Ist unsere Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit als separate Gruppe also zu vernachlässigen? Ich glaube nicht. Denn auch wenn unsere Fotos nicht in tausendfacher Auflage publiziert werden, verlassen sie gelegentlich den Rahmen der Familie und erreichen mehr Menschen: Freunde sehen sie, sie landen auf der Website oder dem Social-Media-Account der Fotografin, in Veröffentlichungen, gelegentlich sogar in Ausstellungen oder Wettbewerben.

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben

Familien, die überlegen, eine Fotografin zu engagieren, machen sich aufgrund der Fotos in deren Portfolio auch ein Bild davon, wie andere Familien leben. Kürzlich hat mir eine Studienfreundin, die ich seit vielen Jahren nicht gesehen habe, geschrieben, dass meine Fotos sie manchmal traurig machen, weil ihre Kinder es nicht so gut haben wie unsere. Das hat mich wiederum sehr traurig gemacht, denn das ist natürlich das Letzte, was ich mit dem Zeigen meiner Fotos erreichen will. Ich habe ihr geschrieben, dass meine Instagram-Posts nur einen kleinen Ausschnitt aus unserem Leben zeigen. Meine Kinder toben auch nicht den ganzen Tag in der Natur herum, sie sitzen auch am Computer und streiten sich, wie ganz normale Kinder eben.

© Sonja Stich

Ebenso, wie Werbefotos retuschierter Models bei Jugendlichen zu Minderwertigkeitskomplexen führen können, mögen verzerrend dargestellte Familienreportagen bewirken, dass Anderen ihr eigenes Leben etwa zu wenig attraktiv oder zu langweilig vorkommt. Während aber jeder weiß, dass Werbefotos nicht der Wahrheit entsprechen, kann man bei Familienfotos nicht so leicht beurteilen, ob sie gestellt, geschönt oder anderweitig manipuliert wurden.

Zeugnis für die Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts

Nicht zuletzt werden unsere dokumentarischen Familienfotos in der Zukunft möglicherweise als Zeugnis für die Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts dienen. Dokumentarische Familienfotos als Auftragsarbeit sind mit Sicherheit nicht repräsentativ für „die Familie“, weil die meisten Familien es sich gar nicht leisten können, eine Fotografin zu engagieren. Aber sie zeigen einen kleinen Ausschnitt, genauso wie Pressefotos, die oft auf Krisen und Katastrophen fokussiert sind.

Wenn Fotografinnen oder Familien sich entscheiden, emotionale und intime, vielleicht auch verstörende Bilder öffentlich zu zeigen, machen sie sich damit verletzlich. Sie ermöglichen uns aber vor Allem einen außergewöhnlichen Einblick in den wahren Alltag von Familien, der eben nicht immer nur adrett und friedlich ist. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag zur ausgewogenen und wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit. 

Die innere Haltung als Leitfaden

Letztlich gibt es keine allgemein gültigen Regeln. Bei jedem Foto müssen wir abwägen, ob es wahrhaftig ist und die Würde der Abgebildeten nicht verletzt. Das mag sich kompliziert und vielleicht sogar entmutigend anhören. Aber ich glaube, dokumentarische Familienfotos mit ethischem Anspruch zu erstellen, ist möglich und sogar ganz einfach. Meiner eigenen Erfahrung nach kommt es vor Allem auf eine emphatische und respektvolle innere Haltung an, weniger auf die Einhaltung einzelner Regeln, genauso wie bei jeder anderen zwischenmenschlichen Begegnung.

Empathie und Respekt

Empathie und Respekt gehören zum Grundrepertoire von Eltern, daher finde ich es einfach, diese Werte auf die Familienfotografie zu übertragen. Ich beobachte, was meinen Kindern wichtig ist, welche Spiele, welche Freunde oder Orte ihnen am Herzen liegen, und dann fotografiere ich diese, auch wenn sie mir selbst nicht so viel bedeuten. Wenn ich unseren Alltag dokumentiere, unterbreche ich sie nicht und bitte sie auch nicht, meine Ideen umzusetzen. Ich bemühe mich, sie nicht zu glorifizieren oder zu verniedlichen und den Kontext nicht zu verzerren. Wenn ein Kind gerade sehr wütend oder traurig ist, fotografiere ich überhaupt nicht, sondern begleite es als Mutter, auch wenn ich gerne mehr Fotos von diesen Momenten hätte. Familienfotografinnen, die für andere Familien arbeiten, haben natürlich den Vorteil, dass sie auch diese Emotionen einfangen können.

Das Label „dokumentarisch“ muss verlässlich sein. Es impliziert, dass wir uns der Wahrheit und der Menschenwürde verpflichtet fühlen. Dokumentarische Fotos zeigen, genauso wie jede andere Ausdrucksform, eine persönliche Sicht auf die Realität. Trotzdem können sie wahrhaftig sein und damit sehr tief gehen, ja eine universelle Wahrheit zeigen, die mit der Beziehung zwischen Menschen zu tun hat, nicht zuletzt mit der Beziehung zwischen der Fotografin und der Familie, die sie fotografiert. 

 

 

 

(*)   damit sind auch männliche Fotografen gemeint 

Im Text erwähnte Quellen:

 

Lest dazu auch den Artikel „Was dokumentarische Familienfotografie NICHT ist“ von Stephanie Richartz für kwerfeldein

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